Mann mit Smartwatch hat Migräne picture alliance/Westend61

Wie Migräne-Wearables den Schmerz ausschalten

5 Min. Lesezeit

Tragbare digitale Geräte stimulieren mit elektrischen Impulsen die Nerven. Das kann akute Migräneattacken lindern und künftigen Anfällen vorbeugen

Das sollten Sie wissen
  • Die Neurostimulation ist ein anerkanntes Verfahren in der Schmerztherapie: Elektrische Impulse aktivieren bestimmte Nerven und verändern ihre Aktivität.
  • Auch bei Migräne findet das Verfahren Anwendung – mithilfe kleiner, tragbarer Medizinprodukte, sogenannter Wearables.
  • Betroffene können diese Technik nach vorheriger Abklärung mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt auch zuhause anwenden.

Betroffene kennen die Symptome nur zu gut: starke, pochende Kopfschmerzen, Übelkeit bis hin zum Erbrechen und Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen. Laut der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG) leiden 10 bis 15 Prozent der deutschen Bevölkerung an Migräne. Die Attacken können zwischen ein paar Stunden bis zu drei Tagen andauern und sind in der Regel so intensiv, dass an einen geregelten Alltag nicht zu denken ist. Migräne ist nicht heilbar. Es gibt aber verschiedene Strategien, welche die Beschwerden wirksam lindern können. In einigen Fällen können dabei auch sogenannte Migräne-Wearables hilfreich sein.

Prinzipiell können alle Betroffenen ein Migräne-Wearable ausprobieren.

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PD Dr. Ch. Gaul, Pressesprecher der DMKG
© privat

Wearables lindern Migräne mit Neurostimulation

Wearables kennt man in erster Linie als Fitnessarmbänder, die unsere Körperfunktionen mittels Daten erfassen. Daraus lassen sich Empfehlungen ableiten, wie wir unser Verhalten und unsere Gesundheit optimieren. Unter einem Migräne-Wearable hingegen versteht man die nicht-invasive Behandlungsmethode durch Neurostimulation: Mithilfe kleiner Geräte werden dabei bestimmte Nerven von außen durch die Haut gezielt mit schwachen Stromimpulsen gereizt. Das verändert die Aktivität dieser Nerven und bringt das Ungleichgewicht zwischen verschiedenen Strukturen im Nervensystem wieder in die Balance. In der Folge sinkt die Empfindlichkeit für Schmerzsignale. Fachleute sprechen in diesem Fall auch von Neuromodulation. Auf diese Weise sollen sich Häufigkeit und Intensität von Migräne-Attacken reduzieren lassen.

Das Prinzip der Neurostimulation ist ein anerkanntes Verfahren in der Schmerztherapie und deren Wirksamkeit generell ist gut untersucht. Oft werden dabei die Elektroden direkt in den Körper implantiert. Im Gegensatz zu dieser invasiven Methode können Migräne-Wearables bei Bedarf zum Beispiel in Form von Stirnbändern oder speziellen Pflastern einfach außen an die Haut angebracht und auch wieder entfernt werden, sobald die Anwendung beendet ist.

"Bislang gibt es aber in Deutschland nur ein Gerät, dass gut untersucht ist und Anwendung vor allem in speziellen Migräne- und Kopfschmerzzentren findet", sagt PD Dr. Charly Gaul, Pressesprecher der DMGK und Chefarzt der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein. "In unserer Klinik setzen wir es sowohl vorbeugend als auch gelegentlich in der Indikation zur Akuttherapie ein." Die meisten Patienten und Patientinnen testen das Gerät während eines stationären Aufenthaltes aus und berichten, ob sie es als angenehm oder unangenehm empfinden. "Dabei können sie die Wirksamkeit bei Migräne-Attacken häufig nach zwei bis drei Anwendungen gut abschätzen. Um eine vorbeugende Wirkung festzustellen, dauert es dagegen etwas länger", so Gaul.

Wearables als zusätzliche Behandlungsstrategie

"Prinzipiell kann jeder Patient und jede Patientin das nicht-invasive Verfahren durch ein Migräne-Wearable ausprobieren", erklärt Gaul. Für eine erfolgreiche Behandlung ist aber immer entscheidend, sich zuerst in einer spezialisierten ärztlichen Praxis beraten zu lassen. Dort kann eine Fachärztin oder ein Facharzt jeden Fall individuell beurteilen und die besten Strategien zur Therapie auswählen. Denn oft besteht diese in einer Kombination verschiedener Verfahren, von denen ein Migräne-Wearable ein Teil sein kann.

Generelles Ziel ist es immer, die Häufigkeit und auch die Schwere der Anfälle zu verringern. In der Medizin wird unterscheiden zwischen Maßnahmen gegen akute Migräneanfälle und Verfahren, die vorbeugend wirken. Neben Medikamenten (z.B. Acetylsalicylsäure, Ibuprofen, Triptane etc.) spielen dabei auch nicht-medikamentöse Strategien wie regelmäßiger Ausdauersport, Entspannungsverfahren wie Autogenes Training und der richtige Umgang mit Stress eine wichtige Rolle. Vor allem zur Prophylaxe können letztere viel beitragen.

Zudem gibt es bei allen Betroffenen ganz persönliche Faktoren, die eine Migräneattacke auslösen können. Spezielle Smartphone-Apps können Menschen mit Migräne zum Beispiel dabei unterstützen, ein sogenanntes Migräne-Tagebuch zu führen. Damit lassen sich mögliche Auslöser für einen Anfall besser erkennen – und künftig vermeiden.

Migräne-Wearables - diese Geräte gibt es

Zu den bereits erhältlichen Produkten zählen unter anderem die folgenden:

The Relivion®

Vom israelischen Hersteller Neurorelief kommt ein Gerät, das ähnlich einer Brille auf der Stirn sitzt. Die Elektroden stimulieren sechs Nervenäste des Hinterhaupt- und Drillingsnerven gleichzeitig. Die Stärke jeder Elektrode kann individuell angepasst werden. Die Anwendung soll die Freisetzung von Botenstoffen im Gehirn beeinflussen und die Reaktion der neuronalen Netzwerke verändern, die Schmerzempfinden und Stimmung regulieren. Im vergangenen Jahr erhielt der Relivion®-Neuromodulator, der künftig rezeptfrei erhältlich sein soll, die europäische Zulassung (CE-Zeichen).

Nerivio Wearable bei Migräne
Migräne Wearable Nerivio
Theranica

Nerivio®

Ebenfalls in Israel entwickelt wurde ein sogenanntes Neuromodulationspflaster. Das soll die Schmerzwahrnehmung bei Migräne reduzieren und wird am Oberarm getragen. Im Inneren des batteriebetriebenen Pflasters stecken winzige Elektroden, welche die Nerven im Arm stimulieren. Die Intensität und Dauer der Methode lässt sich via Bluetooth über das Smartphone steuern. Nerivio® wurde im vergangenen Jahr von der US-Behörde FDA (Food & Drug Administration) als Mittel zur Therapie bei akuten Migräneanfällen genehmigt, für Europa und Deutschland steht eine Zulassung derzeit noch aus.

Cefaly®

Das aus Belgien stammende Medizinprodukt konzentriert sich auf den Trigeminusnerv (Drillingsnerv), der am Ausgang der Augenhöhle unter der Stirnhaut endet. Vor jeder Anwendung wird eine selbstklebende Elektrode auf der Stirn platziert und das etwa zwei Finger breite Cefaly®-Modul durch magnetische Anziehungskraft daran befestigt. Über einen Druckknopf lassen sich zwei Programme wählen: zur Akutbehandlung und zur Prophylaxe. Je nach Einstellung wird mit einem Hoch- oder Niederfrequenzbereich gearbeitet, um Schmerzen durch Neurostimulation zu lindern oder ihnen vorzubeugen. Der Hersteller verweist auf seiner Website auf zahlreiche klinische Studien sowie eine Vielzahl europäischer Referenzkliniken, in denen das Gerät zum Einsatz kommt. Das Medizinprodukt ist geprüft und nach der europäischen Medizinproduktenorm zugelassen.

Migräne Wearable gammaCore Sapphire ™
Migräne Wearable gammaCore
electroCore, Inc. All rights reserved. Used with the permission of electroCore, Inc.

gammaCore TM

Der Elektrostimulator gammaCore TM wird seit einiger Zeit bei Clusterkopfschmerz und Migräne zur Stimulation des Vagusnervs eingesetzt. Dafür positioniert der Patient oder die Patientin das Gerät für etwa zwei Minuten im Wechsel an beiden Halsseiten. Die Stärke der Stimulation lässt sich individuell regulieren. gammaCore® kann nur mit ärztlicher Genehmigung bezogen werden und ist ab der ersten Aktivierung für maximal 31 Tage aktiv. Danach muss ein neues Gerät beantragt werden.

Vitos®

Bei diesem Gerät handelt es sich ebenfalls um ein Medizinprodukt für die Vagusnervstimulation. Vitos® nutzt für die Reizstromtherapie den Weg über das Ohr, daher erinnert es vom Aussehen auch an ein Smartphone oder iPod. In den dazugehörenden Ohrsteckern sitzen die Elektroden und leiten Impulse an einen Ast des Vagusnervs, der in der äußeren Ohrmuschel endet. Die Dauer und Intensität der Stimulation kann selbst gewählt werden. Das in Deutschland entwickelte und produzierte Gerät ist europaweit zugelassen (CE-Zeichen) und nicht verschreibungspflichtig.

Kostenübernahme nur im Einzelfall

Die Preise für Migräne-Wearables liegen je nach Produkt zwischen etwa ein bis mehrere Hundert Euro. Eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist nicht generell geregelt. Eine Einzelfallerstattung muss individuell geklärt werden. Für gesetzlich Versicherte stehen die Chancen jedoch gut, wenn bisherige Behandlungsmethoden keine Besserung erbracht haben. Privat Versicherte sollten sich vor dem Kauf ebenfalls bei ihrer Kasse informieren, ob die Kosten dafür übernommen werden.

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