Frau mit Laptop schreibt Notizen stocksy/Sergey Narevskih

Psychotherapie online - kann das klappen?

6 Min. Lesezeit

Hilfe in dunklen Lebenslagen: Wer psychologische Beratung braucht oder sich in der Therapie befindet, muss nicht mehr in eine Praxis gehen. Ein Mausklick reicht

Die Couch der modernen Psychotherapie steht im eigenen Wohnzimmer. Oder sonst an einem Ort, wo Laptop oder Smartphone zur Hand sind. Dank Internet ist die mobile Therapie längst Realität: Online-Coaches bieten Hilfe in dunklen Lebenslagen, Psychologen und Psychologinnen beraten per Videochat, Depressionstagebücher lassen sich digital ausfüllen, Apps verbessern die Stimmung. Wer sich auf die Suche nach Online-Hilfe macht, wird von der Fülle der Angebote schier überrollt.

Doch Psychotherapie per Mausklick – kann das überhaupt klappen? Professor David Daniel Ebert ist davon überzeugt. "Internetgestützte Therapie wirkt – und das nachweislich", sagt der Experte für mobile Gesundheitsinterventionen an der Freien Universität Amsterdam. Allerdings gilt das bei Weitem nicht für alle Angebote. "Der Wildwuchs ist riesig", so Ebert. Und er wird immer größer.

Qualitätskriterien gelten auch für Online-Psychotherapie

Neben einigen geprüften Programmen, die man bei großen gesetz­lichen Krankenkassen findet, schießen Angebote aus dem Boden, die zwar mit Erfolgen werben – erwiesen sind diese bislang aber nur für ­wenige. "Jede Online-Intervention muss für sich in Studien zeigen, dass sie wirkt", betont Ebert. Mit dem von ihm gegründeten Institut GET.ON will der Psychologe geprüfte Angebote in die Gesundheitsversorgung bringen.

Internetgestützte Therapie wirkt – und das nachweislich.

Verschiedene Fachgesellschaften sahen ebenfalls dringenden Handlungsbedarf. Gemeinsam haben sie im vergangenen Jahr eine Liste mit Qualitätskriterien veröffentlicht, die nicht nur Therapierenden und Betroffenen als Grundlage dienen soll, sondern auch der Politik.
Entscheidungen stehen unmittelbar bevor. Durch das neue E-Health-Gesetz ­­erhält die digitale Psychotherapie ­Rückenwind. Schon bald könnten Online-Interventionen zu den Regelleistungen der Krankenkassen gehören. Doch dafür muss man wissen, was Patientinnen und Patienten wirklich etwas bringt.

Personalisierte Betreuung?

Studien kommen vor allem aus den USA, Australien und den Niederlanden. Aus Ländern also, die der digitalen Therapie bereits weitaus mehr vertrauen als die Deutschen. Doch auch wir erkennen zunehmend die Möglichkeiten. Wie groß das Spektrum ist, zeigen zum Beispiel einige Untersuchungen von Professor Stephan Zipfel, ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen. "Ein digitales Programm für alle – das ­wäre völlig falsch", betont er.

So hat sich bei von Magersucht Betroffenen eine Teletherapie bewährt, die nach der intensiven Betreuung in der Klinik den Übergang in den Alltag erleichtern soll. "Da Magersucht lebensbedrohlich ist und hohes Rückfallrisiko besteht, ist das besonders wichtig", so Zipfel. Per Bildschirm ließ sich die Beziehung zu Therapeutin oder Therapeut eine Weile aufrechterhalten.

Menschen mit einer Binge-Eating-Störung, also häufigen Essanfällen, profitierten indes von begleiteter Therapie, bei der sie im Chat Rückmeldung von den Betreuenden erhielten. Und völlig selbstständig arbeiteten Krebspatientinnen und -patienten mit einer achtsamkeitsbasierten App. Sie half ihnen nach der Diagnose, Stress und Belastungen aufzuarbeiten.

Therapie-Tracking - Fortschritte verfolgen

"Es kommt ganz auf die individuellen Wünsche und Bedürfnisse an", sagt Experte Zipfel. Diese zu erkennen und darauf zugeschnittene Programme anzubieten beziehungsweise auszuwählen, hält er für die entscheidende Herausforderung.

Doch es gibt auch einige generelle Erkenntnisse. "Vor allem begleitete Angebote wirken vergleichbar gut wie Therapien von Angesicht zu Angesicht", sagt Ebert. Dabei werden die Fortschritte der Therapie verfolgt und eine Rückmeldung per Chat, Mail oder Telefon ist möglich. Nachgewiesen sind Effekte unter anderem bei krankhaften Ängsten, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Schlafproblemen.

Angst, von PC und Smartphone ersetzt zu werden, müssen Psychotherapeutinnen und -therapeuten aber nicht haben. "Ich sehe vor allem die unbegleiteten Programme eher als Zusatz", sagt Professorin Steffi Riedel-Heller, Leiterin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health.

Online-Helfer für die Stimmung

An der Universität Leipzig hat sie mit ihrem Team ein solches Programm untersucht, das für leichte bis mittelschwere Depressionen entwickelt wurde: Moodgym, was so viel heißt wie Stimmungstraining, basiert – wie die meisten Online-Helfer – auf kognitiver Verhaltenstherapie. Übungen unterstützen etwa dabei, negative Denkmuster zu erkennen und zu ändern.

Helfen kann das Menschen, die noch nicht bereit sind, eine Therapie zu beginnen. Auch während einer Psychotherapie oder in der ­­Vorbereitung darauf ist es nützlich. "Therapeuten erzählen, dass sie dann schneller zum Kern kommen", berichtet Riedel-Heller.

Der größte Vorteil von Angeboten wie Moodgym: "Wir können viel mehr Menschen erreichen", so die Expertin. Auch für Ebert ist das ein riesiger Pluspunkt des digitalen Ansatzes:  "Mehr als die Hälfte der Patienten mit Kriterien einer psychischen Störung haben nie Kontakt mit dem Gesundheitssystem."

Versorgungslücken füllen

Fragt man Betroffene, warum sie sich keine Hilfe suchen, hört man laut Ebert nicht unbedingt die Gründe, die man vielleicht erwarten würde. Zwar stimmt es, dass die Wartezeit auf eine Psychotherapie oft Monate beträgt.

"Viele Menschen wollen aber ihre Probleme lieber selbst in den Griff bekommen", sagt Ebert. Programme, die von Anfang an auf innere Stärkung setzen, sind dabei eine gute Stütze.

Zudem helfen sie, Versorgungs­lücken zu füllen. Ob auf dem Land, wo es an Therapie-Plätzen mangelt, oder in der Stadt, wo der hektische Arbeitsalltag es schwer macht, zweimal pro Woche eine Praxis aufzusuchen: Die mobile Therapie ist überall und jederzeit zur Stelle.

Tipps für die Suche

Wer Interesse an einem internetgestützten Programm hat, kann sich an seine Krankenkasse wenden. Vor allem viele gesetz­liche Kassen bieten inzwischen spezielle Programme an, zum Beispiel für depressive Menschen.

Einige geprüfte Programme wie Moodgym findet man kostenlos und frei zugänglich im Internet. Unbegleitete Programme können eine Psychotherapie aber nicht ersetzen. Zudem finden sich im Netz viele ungeprüfte Angebote, die eher nicht zu empfehlen sind.

Psychische Erkrankungen können lebensgefährlich sein. Wer sich emotional stark belastet fühlt, sollte auf jeden Fall persönlich mit Fachleuten sprechen. Für ein zeitnahes Erstgespräch bieten viele Praxen psychotherapeutische Sprechstunden an.

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