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Facebooks digitales Bällebad für Büroarbeiter

5 Min. Lesezeit

Ein neues Angebot zum vernetzten Arbeiten sorgt für Schlagzeilen. Facebook will die Welt der Videokonferenzen radikal verändern, was taugt das Angebot? Und welche Chancen für die digitale Gesundheit stecken in solchen Diensten. Ein Erfahrungsbericht

Zoom-Burnout. Wieder ein so wunderbar schreckliches neues Wort, das die Geisel Corona der Menschheit beschert hat.
Was sich dahinter verbirgt? Die ehrwürdige New York Times hat den Begriff geprägt, beschreibt er doch treffend die zunehmende Ermüdung des modernen Menschen durch einen Arbeitsalltag in der gefühlt ewig andauernden Videokonferenzen-Vorhölle.

Zu den digitalen Folterwerkzeugen gehören Ton- und Bildstörungen, die ewige Frage "Kannst Du mich hören?", überambitionierte Bücherwände als Kontrast zu mattem Teint und durchs Bild laufende Mitbewohner:innen. Um nur einige zu nennen.  

"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch", schrieb  – ganz ohne Zoom, Maus und Tastatur – der gute Hölderlin im Jahr 1770. Ausgerechnet retten will uns Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Facebooks virtuelle Wunderwelt

Facebook "Horizon Workrooms" nennt sich das neueste Angebot der globalen Vernetzungsfirma. Die Pressemeldung verspricht viel. Workrooms sei  "das Flaggschiff der Zusammenarbeit, das es Menschen ermöglicht, in einem virtuellen Raum zusammenzuarbeiten, unabhängig von der räumlichen Entfernung."

Wer die virtuelle Brille "Oculus Quest 2" bereits besitzt, kann sich kostenlos in ein digitale kunterbunte Wunderwelt begeben und darin sich und seine Gesprächspartner:innen wie Comicfiguren erleben. Mimik, Handgesten, Bewegung im Raum und sogar gemeinsames Arbeiten an einer Tafel ist möglich. Das Angebot ist - genau wie die Videokonferenzanbieter Zoom, Teams, Webex - kostenlos. Der Anschaffungspreis der Oculus Quest 2 liegt bei knapp 350 Euro. Brillen von anderen Herstellern funktionieren zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nicht.

Erfahrungen beim Arbeiten in der Fantasiewelt

Ich habe mit Workrooms gut eine Woche verbracht. Das Programm läuft stabil, die Ladezeiten sind überraschend fix und es gibt Augenblicke, da macht das Arbeiten digital, räumlich getrennt wieder Freude. Überrascht hat mich, wie schnell Workrooms bei mir die Illusion erzeugt, ich bin nicht mehr in meinem Homeoffice, aus dem heimischen Schreibtisch wird ein Ikea Bällebad für den Wissensarbeiter von morgen.

Das lange Tragen der Brille ist anstrengend. In munteren Konferenzen beginnt man nach weniger als einer halben Stunde arg zu schwitzen. Dazu trägt auch das eigentlich geringe Gewicht von 516 Gramm bei. Länger als 45 Minuten ist niemand kreativ in Meetings, im Facebook Workroom würde ich ungern mehr als 30 Minuten am Stück verbringen. Vielleicht sollte man dann sowieso eine längere Pause einlegen.

Auch vor jeder Session im digitalen Workroom ist Vorbereitung nötig. Die Brille muss aufgeladen sein, es braucht Platz auf dem Schreibtisch für die Touch-Controller. Diese Steuerungsgeräte muss man nicht dauerhaft in der Hand halten, aber sie zeichnen auf dem Schreibtisch liegend die Finger- und Handbewegungen auf. Nur so erscheint meine virtuelle Figur in der Besprechung lebendig.

Auch ist vor jeder Besprechung ein kurzes virtuelles Einmessen der Arbeitsumgebung nötig. Mithilfe der Touch-Controller zieht man Linien im Raum, um die Platzierung der Tafel, der Stühle, des Tischs festzulegen. Andernfalls droht die mitunter schmerzhafte Kollision zwischen echtem Arbeitszimmer und digitaler Wunderwelt.

All dies erscheint umständlich, was auch die Kritik einiger US-Journalisten:innen widerspiegelt: Das Fachmedium "Marketingweek" urteilt, das Angebot von Mark Zuckerberg sei "zum Kotzen".

Vorzüge des digitalen Workrooms

Neben solchen Kinderkrankheiten interessiert mich mehr das Potenzial, besonders im Bereich "Digitale Gesundheit". Seit Covid hat die Telemedizin in Deutschland ein enormes Wachstum erlebt. Die internationale Beratungsgesellschaft PWC geht davon, dass  sich "der Anteil der Patient:innenberatung über alle digitalen Kanäle hinweg im Vergleich zum Niveau vor der Pandemie in den kommenden 12 bis 18 Monaten verdoppeln wird."

Angebote wie Facebooks Workrooms könnten neue Alternative zum Dialog zwischen Ärzt:innen und Patient:innen geben. Denn schon heute erleben viele die starre Perspektive der Videokonferenzen nicht hilfreich, wenn es um sensible Themen geht. Nicht alle Patient:innen werden sich in einer kunterbunten Comic-Digitalwelt wohlfühlen. Aber es geht darum, Alternativen und neue Wege auszuprobieren. Selbstverständlich, nur wenn der persönliche Kontakt vor Ort nicht möglich ist.

Mit 3D-Brille den Patienten die Angst nehmen

Über das Potenzial der Angsttherapie mit virtueller Datenbrille haben wir im Digital Ratgeber bereits in einem unserer Podcasts ausführlich berichtet. Dort stand das Angebot "Invirto" im Fokus: Mithilfe von virtueller Realität in der Invirto-App sollen Patient:innen den Umgang mit Angst im Alltag zu verändern.

Im Berliner Sana Klinikum Lichtenberg werden bei Herzoperationen ebenfalls schon heute VR-Brillen eingesetzt. Die Ärzt:innen können mit der Technik 3D-Bilder aus dem Körperinneren der Patient:innen in ihr Blickfeld projizieren.

VR-Brillen und Dienste wie Facebooks "Workstations" sind aktuell noch Exoten im Gesundheitswesen: oft medienwirksame Einzelanwendungen und Technologiedemonstrationen. In den nächsten Jahren werden diese Angebote Teil unserer Lebenswirklichkeit werden.

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