Mann macht eine Rückenübung iStock/Koldunov

Wie Apps und Online-Programme gegen Rückenschmerzen helfen

7 Min. Lesezeit

Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit, gegen die vor allem regelmäßige Bewegung nachhaltig hilft. Apps und Online-Programme für das Rückentraining zuhause können dabei unterstützen

Das sollten Sie wissen:
  • Bewegung hilft nachweislich, Rückenschmerzen vorzubeugen und zu heilen.
  • Apps und Online-Programme für den Rücken können Betroffene dabei unterstützen.
  • Digitale Angebote sind noch kein Behandlungsstandard bei Rückenleiden, haben aber das Potenzial dazu.

Der moderne Mensch sitzt zu viel. Das bleibt nicht ohne Folgen: Etwa vier von fünf Deutschen haben mindestens einmal im Leben Rückenschmerzen. Häufig sind diese harmlos und verschwinden nach kurzer Zeit von selbst. Manchmal kehren Kreuzschmerzen auch wieder oder werden chronisch. In jedem Fall verordnen Experten den Betroffenen Bewegung. Neben der klassischen Krankengymnastik oder speziellen Kursen zum Beispiel im Fitnessstudio stehen mittlerweile auch eine Vielzahl an Apps und Online-Programmen dafür zur Verfügung. "Sie bieten die Möglichkeit, unter Anleitung auch zuhause gezielt etwas für den Rücken zu tun", sagt Prof. Dr. Ingo Froböse, Sportwissenschaftler an der Sporthochschule Köln.

Warum Bewegung dem Rücken gut tut

Rückenschmerzen sind unangenehm und können den Alltag stark einschränken. In 90 Prozent der Fälle gibt es keine spezielle Ursache dafür – außer, dass Muskeln, Bänder, Sehnen und Faszien, welche die WS stabilisieren, in irgendeiner Form überlastet, unterversorgt oder untrainiert sind. Körperliche Aktivität sorgt für den nötigen positiven Reiz, der Muskeln stärkt, Bänder und Sehnen elastisch hält, Knochen festigt und die Bandscheiben mit Nährstoffen versorgt. "Sowohl im Bereich der Therapie als auch der Prävention ist Bewegung daher die einzige Methode, die nachhaltig bei Rückenschmerzen hilft", erklärt Froböse.

Welche Vorteile haben digitale Angebote für den Rücken?

Digitale Angebote bringen mehrere Vorteile mit sich. Einerseits sind sie zusätzliches Mittel, das viele Sitzen durch gezielte Bewegung auszugleichen und zu helfen, Beschwerden gar nicht erst entstehen zu lassen. Kurz gesagt: Sie intensivieren die Vorbeugung. Andererseits kann das Digital-Training therapeutische Maßnahmen verlängern. Denn Krankenkassen zahlen Anwendungen wie eine Physiotherapie in der Regel nur zeitlich begrenzt. "Das allein reicht aber oft nicht aus, um aus dem Teufelskreis aus Schonung und Schmerzen langfristig herauszukommen", erklärt Froböse. Rückentrainings per App oder Online-Programm haben darüber hinaus noch weitere Pluspunkte:

  • Sie bieten einen niederschwelligen Zugang für Menschen, die persönliche Angebote wie Rückenkurse im Fitnessstudio nicht wahrnehmen können oder wollen.
  • Sie sind zeitlich und räumlich unabhängig, d.h. man kann jederzeit und an jedem Ort üben.
  • Sie sparen Geld, denn mittlerweile gibt es auch einige zertifizierte Angebote, die von den gesetzlichen Krankenlassen ganz oder zumindest teilweise übernommen werden.

Digitales Rückentraining – welche Risiken gibt es?

Wie bei allen digitalen Angeboten für die Gesundheit geht es aber auch hier nicht ganz ohne Risiken. In jedem Fall gilt: Wer bereits seit längerem unter Rückenschmerzen leidet, sollte erst einmal ärztlichen Rat einholen. Damit lässt sich klären, ob es eine behandlungsbedürftige Ursache der Beschwerden gibt und ob das Training zuhause überhaupt infrage kommt. Tatsächlich ist es oft sinnvoller, in diesem Fall zuerst zur Physiotherapie zu gehen. Die Therapeut:innen stimmen die Übungen auf das vorliegende Krankheitsbild sowie auf die persönlichen körperlichen Voraussetzungen ab. Wichtig ist auch die Rückmeldung, ob man die Übungen korrekt ausführt. Das verhindert, dass man falsch trainiert und sein Leiden womöglich verschlimmert. Idealerweise lernt man in der Physiotherapie, auf was man achten sollte, und kann danach – in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt – selbständig mit einer App oder einem Online-Programm weitertrainieren.

Aber auch wenn keine akuten Beschwerden vorliegen und man das digitale Angebot lediglich zur Prohylaxe nutzt, ist es wichtig, exakt zu üben. Mitunter kann ein Spiegel helfen oder man bittet eine andere Person, die Ausführung der Übungen zu korrigieren. Ein weiterer Punkt: Um nachhaltige Erfolge zu erzielen, müssen Rückengeplagte in der Regel langfristig aktiv bleiben und zusätzlich ihr Verhalten ändern – und nicht nur bestimmte Übungen nachturnen. Denn oft spielt bei der Entstehung von Rückenschmerzen ein ungesunder Lebensstil mit zu wenig Bewegung oder zu viel Stress eine entscheidende Rolle. "Viele digitalen Angebote nehmen aber keinen direkten Einfluss darauf, sodass der pädagogische Wert oft eher gering ist", sagt Froböse.

Online-Rückentraining – bislang noch kein Standard

Vielleicht ist letzteres mit ein Grund, warum die zusätzliche Nutzung von Apps und Online-Programmen noch kein Standard in der Behandlung von Rückenschmerzen ist. Bislang gibt es nur eine einzige App, die als digitale Gesundheitsanwendung auf Rezept erhältlich ist. Zudem richten sich die im Moment zur Verfügung stehenden, qualitativ hochwertigen Digitalangebote fast ausschließlich an Untrainierte. Es gibt zum Beispiel aber auch Sportler, die mit Rückenleiden zu kämpfen haben. Eine breitere Vielfalt zum einen und auch eine größere Offenheit von Seiten der Ärzteschaft wäre daher laut Froböse wünschenswert: "Die Chancen, die digitale Angebote mit sich bringen, hat man noch nicht erkannt. Denn gut gemachte Apps und Online-Programme können die Selbstverantwortung der Patient:innen stärken und Rückenbeschwerden nachhaltig lindern."

Wie gut das tatsächlich funktionieren kann, zeigt eine Untersuchung der Technischen Universität München. In der Studie übten Rückenschmerzpatienten mithilfe einer medizinischen Personal-Trainer-App, die nach den neuesten Erkenntnissen der Schmerzmedizin entwickelt wurde. Zwar steht das finale Ergebnis noch aus. Erste Auswertungen weisen aber darauf hin, dass die App offenbar besser hilft als eine Physiotherapie in Kombination mit Online-Training.

Gute Apps oder Online-Programme finden

Nicht jede App oder jeder Online-Kurs ist qualitativ hochwertig. Auf folgende Kriterien sollte man bei der Auswahl achten:

Qualifikation: Trainer:in ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Wichtig ist daher, welche Grundqualifikation hinter dem Angebot steckt – vor allem, wenn es therapeutisch genutzt werden soll. Bei Physiotherpeut:innen und Sportwissenschaftler:innen kann man davon ausgehen, dass sie die entsprechende Ausbildung für ein sinnvolles Rückentraining mitbringen.

Individualisierung: Ein gutes Online-Angebot sollte die Möglichkeit zur Individualisierung des Trainings geben. Dazu braucht es verschiedene Infos wie etwa: Ist der Rückenschmerz chronisch oder akut? Wo liegen die Probleme (z.B. Lenden- oder Brustwirbelsäule)? Welche Veränderungen (z.B. Belastbarkeit oder Stärke der Beschwerden) gibt es mit der Zeit (Verlaufsdokumaentation)? Ist es möglich, das Training an diese Veränderungen anzupassen?

Vielfalt: Gute Apps und Online-Programme bieten eine Vielfalt an Übungen, die systematisch aufeinander aufbauen.

Zertifizierung: Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte Apps und Online-Kurse auswählen, die zum Beispiel von der Zentralen Prüfstelle Prävention zertifiziert, ein gekennzeichnetes Medizinprodukt oder eine vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelistete Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) sind. Der Vorteil: Viele gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür ganz oder teilweise.

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