Pandemie in Filmen Shutterstock/ImpactPhotography

Pandemie in Filmen: das Prinzip der Katharsis

4 Min. Lesezeit

Die Abrufzahlen von Pandemie-Filmen schießen bei Streamingdiensten wie Netflix derzeit in die Höhe. In Zeiten von Corona gilt mehr denn je: Man sieht sich Schicksale von Leitragenden an, erschaudert und hofft: So schlimm wird es bei mir wohl nicht kommen.

Wer in diesen Tagen Steven Soderberghs Film "Contagion" sieht, staunt über die Parallelen zur Corona-Krise: Ein neuartiges Virus, das Sequenzen des Erbguts von Schweine- und Fledermausviren beinhaltet, befällt die Atemwege der Menschen und verbreitet sich von China aus in alle Welt. Ursprung ist eine Fledermaus, die ein Stück Banane in der Halle eines Schweinezüchters fallen lässt. Ein Schwein wiederum frisst das Bananenstück, das Schwein landet in der Küche eines Casinos, dessen Chefkoch dann Beth Emhoff (Gwyneth Paltrow) die Hände schüttelt - sie wird Patientin Zero, erstes Todesopfer einer Pandemie.

Eine Vorhersage der Wirklichkeit?

SARS-CoV-2, das Corona-Virus, entstand mutmaßlich im "Südchinesischen Markt für Fische und Meeresfrüchte" in Wuhan, Handelsleute zählten zu den ersten Erkrankten. Auf dem als Infektionsort der ersten Infizierten angenommenen Großmarkt wurden neben Wildtieren auch Fledermäuse angeboten, wobei der Übergang vom Tier auf den Menschen über einen bislang nicht identifizierten Zwischenwirt, etwa ein Schuppentier, geschehen sein könnte.

"Contagion" entstand im Jahr 2011 – und wirkt wie eine Vorhersage der heutigen Realität: provisorische Krankenhäuser in Lagerhallen, Isolierung der Erkrankten, tägliche Verkündigung der Todeszahlen, Verweise auf die Spanische Grippe und die Suche nach einem Impfstoff, in die sich auch Scharlatane mischen, wie in "Contagion" der unseriöse Journalist Alan Krumwiede (Jude Law), der Kranken mit dem unwirksamen homöopathischen Präparat "Forsythia" falsche Hoffnungen macht. Im Film ist vor allem der beschriebene Zerfall des Gemeinwesens in den USA im weiteren Verlauf beängstigend.

Die Parallelen zwischen Realität und Fiktion

Wenngleich es in Europa in der Realität noch nicht zu Plünderungen im großen Stil kam, lassen Einbrüche in Kliniken, mit denen Kriminelle an Atemschutzmasken, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel gelangen wollen, doch aufhorchen. In einem Interview mit der "Zeit" sagte 2011 der Infektionsepidemiologe Thomas Jänisch zu "Contagion", dass das Virus im Film zwei entscheidende Eigenschaften habe, die bisher in der Natur nicht gemeinsam vorgekommen sind: sehr schnelle Verbreitung durch Tröpfcheninfektion plus hohe Letalität. In "Contagion" liegt die Sterberate bei 20 Prozent, bei Corona zwar deutlich darunter, aber dennoch erschrecken die Parallelen. Einen kurzweilige und dennoch sehr detailierten Vergleich von Film und Wirklichkeit hat ein YouTube Nutzer in dem Video "Everything Contagion got right about the Coronavirus outbreak" zusammengestellt (auf Englisch).

Das Tier als Überträger eines Virus – ein solches Szenario brachte uns auch Wolfgang Petersen 1995 mit dem Pandemie-Klassiker "Outbreak" nahe. Ein Affe schleppt einen tödlichen Virus von Afrika aus in die USA ein, eine Ebola-Variante, wie sich später zeigt. Eine fast zeitgleiche Ebola-Epidemie in Zentralafrika verlieh Petersens Thriller beängstigende Authentizität. Am Ende steht auch hier ein Gegenmittel, und die Erkenntnis, dass das Virus aus den Biolaboren des US-Militärs stammt. Unrealistisch, aber die Parallelen zu Verschwörungstheorien rund um die Entstehung des Corona-Virus sind unübersehbar.

Warum Pandemien oft beliebtes Motiv sind

Pandemien sind als Thema seit langem in Film, Kunst und Literatur populär, denn in solchen Szenarien lassen sich ethisch-moralische Fragen gut verhandeln. Gerade in Zeiten von Corona gilt zudem das seit der Antike gültige Prinzip der Katharsis: Man sieht sich Schicksale von Leidtragenden einer Pandemie an, erschaudert und hofft: So schlimm wird es bei mir wohl nicht kommen.

Im besonderen Maße gilt dies für Francis Lawrences "I am Legend" (2007). Will Smith verkörpert hier den Virologen Lt. Colonel Dr. Robert Neville, der im Jahr 2012 als mutmaßlich letzter lebender Mensch durch ein geisterhaft leeres New York City wandelt. Ursache des Massensterbens ist ein drei Jahre zuvor entwickeltes Heilmittel gegen Krebs, dass auf einem modifizierten Masern-Virus beruht. Als es mutiert, tritt dies eine Pandemie los, der 5,4 Milliarden Menschen zum Opfer fallen. 12 Millionen Menschen gelten als immun, degenerieren aber zu zombieähnlichen Tierwesen – auch wenn in "I am Legend" ein Gegenmittel angedeutet wird, projiziert der Film doch das größtmögliche Desaster, gegen das die Corona-Krise fast tröstlich überschaubar wirkt.

Von "Twelve Monkeys" bis "28 Days Later" - eine Auswahl

Eine ähnlich düsteres Szenario zeigte Terry Gilliam im Film "Twelve Monkeys" (1995), in dem über fünf Milliarden Menschen an einer Virusepidemie sterben. Unter dem letzten überlebenden Prozent der Menschheit werden Freiwillige für Experimente gesucht, aber nicht für Medikamententests, sondern für Zeitreisen in die Vergangenheit, um den Urheber des Virus zu finden.

Dass ein Virus Menschen nicht gleich zu tumben Zombies wie in der TV-Serie "The Walking Dead" verwandeln muss, zeigt Danny Boyles Film "28 Days Later", in dem ein hochansteckender Virus in Großbritannien bei den Infizierten Raserei und Aggressivität auslöst. Auslöser des Desasters sind Tierschutzaktivisten, die nachts in die medizinische Abteilung einer Universität in Cambridge eindringen und Schimpansen befreien, die einen tödlichen Virus in sich tragen.

Können wir aus Filmen lernen?

Alle Pandemie-Filme ranken letztlich um das Thema, wie sich eine Gesellschaft im Notfall verhält. Aus den fiktiven Szenarien lassen sich in Corona-Zeiten durchaus Erkenntnisse schöpfen. Skepsis ist aber angebracht, denn das Spektrum der Dystopien schwankt zwischen wissenschaftlich ansatzweise nachvollziehbar bis zur puren Fiktion. In "Contagion" wird das Virus am Ende besiegt. Wissenschaftlern gelingt es, es zu isolieren, nachzuzüchten und letztlich einen Impfstoff zu entwickeln. Auf den kommt es dann zum erwarteten Run, Kriminelle versuchen, an die Dosen zu gelangen. In USA findet daraufhin eine Tombola statt. Wer an einem bestimmten Tag Geburtstag hat, bekommt den Impfstoff, andere gehen leer aus. Eine bittere Pointe, die uns in der Realität nie so einholen sollte.


Schlagworte

Corona

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