Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Getty Images/Photothek/Xander Heinl

"Vorreiter werden": Interview mit Jens Spahn

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn über Wildwest-Märkte und unterschätzte Senioren

Herr Spahn, worüber haben Sie sich als Patient zuletzt persönlich geärgert?

Ich bin zum Glück gesund und daher nur zu Routineuntersuchungen beim Arzt. Ärgern muss ich mich da nicht. Was mich aber mitunter wundert: dass im Jahr 2020 immer noch Ärztinnen und Ärzte handschriftlich in Karteikarten schreiben. Zeitgemäß ist das nicht.

Deswegen haben wir die Krankenkassen verpflichtet, allen Versicherten ab 2021 eine elektronische Patientenakte (ePA) anzubieten. In diese digitale Akte können Patienten alles eintragen lassen: Befunde, Behandlungsberichte, Blutbilder, Röntgenaufnahmen. Können heißt übrigens nicht müssen. Ob Sie als Patient die Vorteile der ePA nutzen, entscheiden allein Sie.

Im November 2019 wurde das Digitale-Versorgung-Gesetz vom Bundestag verabschiedet. Was haben Sie danach als Erstes gemacht? Gefeiert?

Das war für mich ein langer Tag, denn der Bundestag hat gleich drei Gesetze beschlossen, die die Versorgung in Deutschland erheblich verbessern werden: Durch das Digitale-Versorgung-Gesetz können wir die Chancen, die die Digitalisierung bietet, viel besser nutzen. Mit einem weiteren Gesetz haben wir den Medizinischen Dienst, der zum Beispiel prüft, ob jemand pflegebedürftig ist, von den Krankenkassen gelöst. So können sich Patientinnen und Patienten noch besser darauf verlassen, dass die Prüfer neutral handeln.

Außerdem hat das Parlament neue Ausbildungsregeln für Assistenzberufe im Operations- und Anästhesiebereich beschlossen. Darauf haben die Beschäftigten in den Krankenhäusern lange gewartet. Mich macht es sehr zufrieden, dass wir mit unserer Arbeit im Alltag der Menschen einen Unterschied machen können. Das schafft Vertrauen in die Politik.

Denken wir uns ins Jahr 2025: Welche der Maßnahmen, die wir aktuell erleben, werden das Gesundheitssystem besonders stark verändert haben?

Ich bin sehr gespannt, wie die Möglichkeit angenommen wird, sich vom Arzt Apps verschreiben zu lassen. Das können zum Beispiel Programme sein, die Diabetikern dabei helfen, den Blutzuckerspiegel zu kontrollieren. Oder Angebote für Schwangere. Mit dieser völlig neuen Leistungsart wird Digitalisierung nutzbar. Und bezahlbar für alle.

Wie erklären Sie das einem älteren Menschen, der weniger technikaffin ist?

Nicht jeder muss alle Möglichkeiten nutzen, die das Gesundheitssystem bietet. Das ist ja schon heute so. Ich glaube aber, dass Sie die Generation der heute 70- bis 80-Jährigen gehörig unterschätzen. Viele von ihnen haben ein Smartphone, chatten mit ihren Enkelkindern und nutzen vielleicht sogar Gesundheits-Apps, die etwa an die Einnahme von Medikamenten erinnern. Wer damit noch nicht so vertraut ist, aber Lust hat, das zu entdecken, kann sich künftig auch von seiner Krankenkasse schulen lassen. Die Krankenkassen können ihren Versicherten Kurse anbieten, die sie mit gesundheitsbezogener Technik vertraut machen.

Wenn sich Ärzte der Digitalisierung verweigern und ihre Praxis nicht an die technische Infrastruktur anschließen, bekommen sie als Strafe geringere Vergütungen. Muss man das Gesundheitssystem zu seinem Glück zwingen?

Die meisten Ärztinnen und Ärzte stehen dem Thema sehr offen gegenüber und haben große Lust, die Digitalisierung gemeinsam mit uns zu gestalten. Ich bin überzeugt: Die letzten paar Zweifler wird der konkrete Nutzen zum Beispiel der elektronischen Patientenakte überzeugen.

Und was erwarten Sie von den Patienten?

Die Frage ist: Was erwarten die Patienten von uns? Und das ist eine moderne, zeitgemäße Versorgung, die sich an den Bedürfnissen des Patienten orientiert. Wir sehen, dass viele Patienten in Deutschland – vor allem chronisch kranke Menschen – digitale Anwendungen nutzen, bislang auf eigene Kosten. Auf solche Entwicklungen muss das System reagieren – und so wie in diesem Fall dafür sorgen, dass sinnvolle Apps künftig die Kasse zahlt.

Welche Anwendungen gut und sinnvoll sind, ist für Patienten schwer zu erkennen. Wildwest auf dem Markt wollen wir endlich beenden

Welche App nutzen Sie selbst, um gesund zu bleiben?

Ich habe einen Schrittzähler. Den finde ich super, denn er motiviert mich, mehr zu laufen – und das ist ja bekanntlich sehr gesund. Wenn wir im Ministerium von digitalen Gesundheitsanwendungen sprechen, dann meinen wir aber nicht solche Gadgets. Sondern Produkte, die zum Beispiel den Alltag von Diabetikern oder Menschen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung erheblich vereinfachen können.

Was macht eine Gesundheits-App zu einer guten App?

Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Welche Anwendungen gut und sinnvoll sind, ist momentan für Patientinnen und Patienten schwer zu erkennen. Wildwest auf dem Markt wollen wir endlich beenden. Krankenkassen sollen bald die Kosten für nützliche Apps übernehmen. Dafür muss die App ein Prüfverfahren bei einer unserer nachgeordneten Behörden – dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) – durchlaufen. Dort wird geschaut, ob die App zum Beispiel Anforderungen an Datenschutz, Qualität und Funktionalität erfüllt und ob sie die Versorgung tatsächlich verbessert. So wird nach und nach eine Liste entstehen mit guten, sozusagen staatlich geprüften digitalen Gesundheitsanwendungen.

Das klingt alles sehr optimistisch. Haben Sie Verständnis dafür, dass sich viele Menschen vor allem Sorgen um die Sicherheit ihrer Daten machen?

Ja, natürlich verstehe ich das. Darum müssen die Hersteller von Apps, die die Kasse zahlen soll, bestimmte Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit erfüllen. Und aus dem gleichen Grund bauen wir in Deutschland ein sicheres, in sich geschlossenes Netzwerk auf, über das Ärzte, Krankenhäuser oder Apotheken künftig Daten austauschen können. Bisher liegen die Daten immer da, wo sie erhoben werden: beim Hausarzt, dem Herzspezialisten, im Labor oder Krankenhaus. Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte wird der Patient erstmals selbst Herr über seine Daten.

Die Medizingeschichte hat immer wieder Revolutionen erlebt durch Erfindungen wie das Stethoskop, Röntgenstrahlung oder Impfungen. Wo ordnen Sie hier ein, was aktuell in Sachen Digitalisierung geschieht?

Digitalisierung hat das Potenzial, die Versorgung von Patienten erheblich zu verbessern. Insofern ist das vergleichbar mit früheren bahnbrechenden Entwicklungen wie dem Stethoskop oder Röntgenapparat. Stellen Sie sich mal vor, wir hätten all diese neuen Möglichkeiten einfach ungenutzt gelassen! Aus meiner Sicht ist es auch eine ethische Frage, die Chancen zu nutzen, die die Digitalisierung uns bietet. Patientinnen und Patienten in Deutschland haben ein Recht auf eine moderne, patientenorientierte Versorgung.

Aus meiner Sicht ist es auch eine ethische Frage, die Chancen zu nutzen, die die  Digitalisierung uns bietet

Deutschland hinkt hier anderen Ländern deutlich hinterher. Bis wann wird das deutsche Gesundheitssystem international aufgeholt haben?

Wir müssen in diesem Bereich vorankommen, das stimmt. Wir hinken aber nicht überall hinterher. Die Apps auf Rezept, die wir mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz einführen, sind eine Weltpremiere. Nirgendwo anders können sich gesetzlich Versicherte in dieser Form Apps vom Arzt verschreiben lassen. Mein Anspruch ist, dass wir Vorreiter werden beim Thema Digitalisierung.

Sind Sie dann noch Bundesgesundheitsminister?

Die Frage höre ich ständig. Aber wissen Sie was? Die Menschen da draußen interessiert gar nicht so sehr, wer Gesundheitsminister ist. Die Pflegefachkraft will wissen, ob sie bald mehr Kolleginnen an ihrer Seite hat, der Pflege-Azubi, ob er Schulgeld zahlen muss. Der Notarzt fragt sich, wann die Notaufnahmen endlich entlastet werden – und der Diabetiker, ob die Kasse seine neue Smartphone-App zur Blutzuckerkontrolle zahlt. An diesen Themen arbeite ich. Denn nur wenn wir im Alltag der Menschen einen Unterschied machen, vertrauen sie wieder darauf, dass Politik etwas bewirken kann.

Zur Person: Jens Spahn (39)
Kaum ein Thema treibt Jens Spahn (CDU) so um wie die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems. Im März 2018 wurde er mit 37 Jahren zum Bundesgesundheitsminister ernannt. Seit 2002 ist der gelernte Bankkaufmann und studierte Politikwissenschaftler Mitglied des Deutschen Bundestags.

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