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Doktor KI, übernehmen Sie?

7 Min. Lesezeit

Künstliche Intelligenz (KI) ist Hoffnungsträger für eine bessere und individuellere Medizin. Sie stellt genauere Krebs-Diagnosen als Ärzt:innen und erkennt Pandemien früher als die WHO. Doch es gibt auch Risiken

Das sollten sie wissen
  • Künstliche Intelligenz (KI) treibt den Fortschritt in der Medizin voran.
  • KI unterstützt bereits heute Ärztinnen und Ärzte bei Diagnosen und Therapieentscheidungen.
  • KI kann den Menschen nicht ersetzen. Denn kein Algorithmus, keine App, keine KI ist unfehlbar.

In der digitalisierten Medizin gibt es zahlreiche Beispiele, wo künstliche Intelligenz (KI) den Menschen bei der Erkennung und Erforschung von Krankheiten zur Seite steht.

App schlägt ärztliches Hautkrebs-Screening

So gibt es Apps zur Untersuchung der Haut, die dank KI krebsverdächtige Leberflecke (Melanome) mittlerweile besser erkennen als viele Fachärzt:innen. In einer Studie zeigte sich eine solche Hautscreening-App sogar Fachleuten aus deutschen Unikliniken klar überlegen: Nur sieben Dermatologen und Dermatologinnen werteten die Fotos verdächtiger Hautmale treffsicherer aus als der Computer. Der Rechner hatte in der von den Pixeln der Fotos erzeugten Datenmenge innerhalb von Sekunden eindeutige Muster erkannt und sie Kriterien zugeordnet: krebsverdächtig ja/nein. Apps, die seltener falsche Diagnosen stellen als Menschen, könnten Betroffenen Leid und dem Gesundheitssystem Geld ersparen.

KI basiert auf der blitzschnellen Analyse riesiger Datenmengen mithilfe eines Algorithmus. Ein Algorithmus ist eine klar definierte Handlungsvorschrift zur Lösung eines bestimmten Problems. Je mehr Daten zur Verfügung stehen und je klüger der Algorithmus ist, desto besser funktioniert die KI.

Was simpel klingt, könnte Teile der Medizin revolutionieren, denn KI hat viele Anwendungsgebiete. KI-Rechner gleichen beispielsweise Krankengeschichten mit Diagnose-Datenbanken ab und suchen nach Therapien, die für den einzelnen Menschen die beste Heilungschance bieten. Und natürlich kann KI Krankheiten verhindern.

Algorithmus sagt Corona voraus

So hat ein Algorithmus der kanadischen Firma BlueDot eine Woche früher als die zuständige Behörde in den USA, die US Centers for Disease Control and Prevention (CDC), vor dem Corona-Ausbruch in China gewarnt. Der Algorithmus hatte regionale Nachrichten in 65 Sprachen, staatliche Gesundheitswarnungen, Meldungen über Tier- und Pflanzenkrankheiten sowie Foren, Blogs und internationale Fluggastdatenbanken analysiert und aus der Datenflut korrekte Schlüsse gezogen.

Zwei Millionen Laptops für einen Impfstoff

Im britischen Cambridge plant das US-Unternehmen Nvidia einen Supercomputer mit der Rechenleistung von acht Petaflops zu errichten, was zwei Millionen Laptops entspricht. Petaflops ist eine Gweschindigkeitsangabe für die Rechenleistung von Supercomputern: "Flops" steht für Floating Point Operations per Seconds (zu deutsch Gleitkommaoperationen pro Sekunde), Peta ist ein griechischer Buchstabe und steht hier für die Zehnerpotenz 10 hoch 15, also eine Billion.

Der britische Rechnergigant soll innerhalb von Tagen statt den üblichen Monaten den Effekt von Wirkstoffen auf Menschen simulieren. Erster Auftrag: Finde einen Impfstoff gegen COVID-19!

Mit Röntgenbildern, Fitnessarmbändern und KI zur Corona-Diagnose

In Ulm entwickeln die Technische Hochschule (THU) und die Uniklinik Ulm gemeinsam eine KI, die anhand von Röntgenaufnahmen der Lunge erkennt, ob ein Mensch mit COVID-19 infiziert ist. Forschende aus den USA wollen eine App auf den Markt bringen, die Corona-Infizierte über Veränderungen von Puls, Schlafdauer und Bewegung ermittelt. Voraussetzung ist, dass sie ein Fitnessarmband tragen und in der App ihre Symptome notieren.

KI hat Grenzen des Machbaren

Die Erwartungen an die KI in der Medizin sind hoch, mitunter zu hoch. Dass eine KI etwa am Erbgut erkennen könnte, ob ein Mensch an Diabetes erkrankt oder einmal einen Herzinfarkt erleiden wird, scheint (noch) unmöglich. Schließlich hängt es auch von der Lebensweise und der Umwelt ab, ob eine erbliche Veranlagung zur Erkrankung führt.

Wo liegen die Risiken?

KI verändert die Möglichkeiten der Medizin zum Positiven. Je weiter ihre Anwendungsgebiete reichen, desto schwerwiegender dürften sich allerdings Fehldiagnosen und Ungenauigkeiten auswirken. Eine Gefahr besteht beispielsweise darin, bei seltenen Krankheiten mangels ausreichend trainierter KI manche Betroffene zu übersehen. Oder Gesunde krank zu rechnen.

Menschen treffen Entscheidungen, nicht Algorithmen

Kein Algorithmus, keine App und keine KI ist unfehlbar. Die Frage, wer für dramatischen Folgen einer Fehldiagnose haftet, ist nicht endgültig beantwortet. Ist es der App-Entwickler, der einen Programmierfehler übersieht, der Patient, der eine App falsch bedient, oder der Arzt, der die App nicht gut genug erklärt hat?

Außerdem kann eine künstliche Intelligenz nur so intelligent sein, wie der Code, der ihr zugrunde liegt, beziehungsweise wie die Daten, die sie zum Lernen bekommt. Erst Mitte 2020 trennten sich einige große Firmen von ihren KI gestützen Systemen, da diese diskriminierende Ergebnisse lieferten. Diese KIs wurden mit Datensets gefüttert, die ebenfalls einem Bias, also einer falschen Vor-Selektion unterlagen. Die KIs übernahmen diese Bias in ihre Entscheidungen und diskrimierten Menschen mit bestimmter Hautfarbe oder Geschlecht. In der Medizin hätten solche automatisierten Benachteiligungen oder Falsch-Beurteilungen verheerende Folgen für die Betroffenen.

Daher lässt sich zusammenfassen: KI kann Ärztinnen und Ärzte bei Ihrer Arbeit unterstützen – ersetzen kann sie sie nicht. Denn die Entscheidung trifft letztlich der Mensch, nicht der Algorithmus.

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