Junge Frau mit Kopfhörern bei Onlineberatung vor dem Laptop iStock/fizkes

USA: Psychohilfe in der Drogerie

3 Min. Lesezeit

In den USA bekommen Kund:innen in einigen Drogerien und Einzelhandelsunternehmen nicht nur Medikamente und Dinge des täglichen Bedarfs, sondern auf Wunsch auch psychologische Beratungsangebote. Neben Unternehmen wie Walmart bietet auch die Drogeriekette CVS derartige Beratungen an

CVS hat Anfang des Jahres an 13 Standorten mit dem Angebot begonnen. Die Resonanz sei gut, wie die US-Zeitung Wall Street Journal berichtet. Das Programm soll nun auf 34 Standorte ausgeweitet werden. In der Regel seien Sozialarbeiter:innen, die in kognitiver Verhaltenstherapie geschult sind, die Ansprechpartner:innen für die Hilfesuchenden. Eine Erstuntersuchung kostet 129 US-Dollar, eine 30-minütige Beratung 69 Dollar.

So funktioniert's

Je nach Ausgang des Erstgesprächs können die Kund:innen für einige Sitzungen zurückkommen oder sie bekommen eine Überweisung etwa zu Hausärzt:innen oder Psychiater:innen. Menschen ohne Krankenversicherung werden an spezielle kommunale Organisationen verwiesen.

"Es ist eine interessante Idee, Hilfsangebote für die psychische Gesundheit an einem Ort zu platzieren, an dem die Menschen bereits sind", sagt Ken Duckworth, medizinischer Direktor der National Alliance on Mental Illness.  Allerdings müsse sichergestellt werden, dass es keine Anreize zur Einnahme von Psychopharmaka gebe.

Ausreichender Schutz der Privatsphäre?

Manch einer sieht dem Zeitungsbericht zufolge auch Probleme bei der Privatsphäre und fragt sich, ob Menschen sich wohl dabei fühlen, in einem öffentlichen Rahmen eine Therapie in Anspruch zu nehmen. CVS betont, dass die Beratungen in Räumen mit Privatspähre stattfinden.

Nicht nur CVS bietet derartige Beratungen in den USA an: Ähnliches gibt es auch etwa bei Walmart und Walgreens. Auch telemedizinische Angebote sind im Programm. Gerade mit Beginn der Coronapandemie ist das Angebot von digitalen Therapieangeboten enorm gestiegen - im Gleichklang mit der Nachfrage.

Die Entwicklung haben wir bereits dokumentiert.

Hoher Bedarf an psychologischen Beratungen

Aber auch der Bedarf an psychologischer Unterstützung in den USA wächst. Von August 2020 bis Februar 2021 sei der Prozentsatz der Erwachsenen mit Symptomen einer Angst- oder depressiven Störung laut einer gemeinsamen Erhebung des U.S. Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und dem U.S. Census Bureau von 36,4 Prozent auf 41,5 Prozent gestiegen, berichtet das Wall Street Journal.

Zudem haben die Besuche in Notaufnahmen wegen psychischer Krisen bei 12- bis 17-Jährigen laut CDC zwischen 2019 und 2020 um 31 Prozent zugenommen.

So sieht die Lage in Deutschland aus

Ob ein solches Angebot in Deutschland eine Chance hätte? Hierzulande ist gesetzlich geregelt, wer eine Psychotherapie im heilkundlichen Sinne anbieten darf: Neben Psychologe:innen und Psychotherapeut:innen sind dies Therapeut:innen mit Psychotherapieerlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz.

Allerdings dürften auch in Deutschland niedrigschwellige Erste-Hilfe-Angebote, ähnlich denen in den USA, für Menschen in psychologischer Notlage auf ein positives Echo stoßen. Ist es doch für Hilfesuchende oft problematisch, frühzeitig fachgerechte Hilfe zu finden. Therapieplätze für psychisch Kranke gibt es nicht im Überfluss. Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen haben meist lange Wartezeiten.

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