„Deutschland hat den Anschluss an digitale Standards wieder verpasst“

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Das E-Rezept sollte zum 1. Juli 2021 bundesweit verfügbar sein. Nun wurde der Start erneut verschoben. Ein Kommentar

Einer meiner ersten Artikel als junge Journalistin trug die Überschrift "Die elektronische Gesundheitskarte kommt". Das war 2004, die Ärzteschaft damals in großer Aufregung. Was ich in meiner jugendlichen Naivität damals nicht für möglich gehalten hätte: Es sollte noch gut zehn Jahre dauern, bis meine Ankündigung endlich Wirklichkeit wurde.

Heute, im Jahr 14 nach der Erfindung des iPhones, wo wir unser Leben, unser Einkaufen, unsere Kommunikation und Mobilität über das Smartphone organisieren, freuen wir uns auf das E-Rezept. Es wird Zeit.

Nina Buschek
Dr. med. Nina Buschek, Chefredakteurin des Digital Ratgebers
W&B/André Kirsch

Ich möchte Verordnungen meines Arztes digital empfangen und per Klick an die Apotheke meines Vertrauens senden können. Ich möchte nicht in die Praxis radeln, um ein Rezept abzuholen für ein Präparat, das die Apothekerin zwar innerhalb von zwei Stunden besorgen kann, für das ich aber trotzdem nochmal kommen muss. Ich möchte meiner Apothekerin den für uns beide unerfreulichen Satz "Darf ich das für Sie bestellen?", ersparen. Ich möchte Folgerezepten nicht hinterhertelefonieren müssen, damit – was sicher selten vorkommt, mir aber erst letzte Woche passiert ist – das Rezept in der Post verloren geht.

Wünsche ich mir zu viel?

Nein, in Ländern wie Großbritannien, Dänemark, Belgien, Kroatien, Schweden, Türkei oder Spanien sind elektronischen Verordnungen bereits seit Jahren Alltag. Ebenso wie elektronische Patientenakten oder digitale Medikationspläne. Warum ist Deutschland hier Entwicklungsland?

Einen Tag vor der geplanten offiziellen Einführung des E-Rezepts hierzulande wird nun klar: Nö, wir sind noch nicht so weit. Es gibt noch kein E-Rezept für alle. Nicht einmal im Ansatz.

Erneut hat Deutschland den Anschluss an die Standards der digitalen Gesundheitsversorgung verpasst. Es ist eine kuriose Mischung aus Zaghaftigkeit, handfesten Lobby-Interessen, einem überforderten Ministerium und dessen nachgeschalteten digitalen Service-Firmen, die uns im Wartezimmer des Fortschritts festhält. Gegen unseren Willen.

Mit dem Ende 2019 in Kraft getretenen Digitale-Versorgung-Gesetz sollte Schwung in die schleppende Digitalisierung unseres Gesundheitswesens kommen. Auch das auf Eis liegende Projekt E-Rezept sollte jetzt zügig realisiert werden. Die Einführung im Frühjahr 2021 wurde erst auf den 1. Juli 2021 vertagt und ist nun zu einem Test in der Fokusregion Berlin-Brandenburg zusammengeschrumpft.

Die Gematik, jene Service-Firma des Bundesgesundheitsministeriums, die bislang nicht durch besondere Fortschrittsfähigkeit aufgefallen, erklärte es gebe noch gar kein erstes "offizielles" E-Rezept. Man würde deshalb zunächst Testszenarien simulierten, um das Zusammenspiel der verschiedenen Systeme unter realen Bedingungen zu erproben, so recherchierte das Branchenportal Apotheke adhoc.

Ich frage mich, wie lange Deutschland eigentlich noch Testszenarien simulieren will. In der Corona-Pandemie gab es viele, lebenswichtige Probleme, die wichtiger waren und sind. Aber wir leisten uns ein Ministerium mit 700 festen Mitarbeitern, unzähligen hochbezahlten Beratern und ein Budget von 35,3 Milliarden Euro. Kann man mit diesem Füllhorn an Personal und Geld in Deutschland so wenig erreichen? Das Budget und die Mitarbeiter der Gematik nicht eingerechnet.

Nun ist erstmal Urlaub, dann Wahlkampf und mit der Digitalisierung der Medizin lassen sich wahrscheinlich zu wenige Stimmen an der Wahlurne gewinnen. Das E-Rezept bleibt also bis zum nächsten Jahr wahrscheinlich noch im Testszenario. Wie so vieles am Standort Deutschland.

Ich würde von dieser Kritik gern alle jene Menschen explizit ausnehmen, die in den vergangenen Jahren übermenschliches geleistet haben, um Corona zu bekämpfen. Egal ob Ärzt:innen, Apotheken, Beamt:innen, Politiker:innen. Aus vielen Gesprächen weiß ich, es gibt entschlossene Kämpfer für die Digitalisierung, auch weil Corona gezeigt hat, dass es ohne in Zukunft nicht gehen wird.

Ich wünsche uns allen mehr Mut für die Zukunft und mehr beherztes Anpacken und weniger Testszenario-Modus.

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